DI Sabine Nadherny-Borutin © Andrea Knura

Es sind keine leichten Zeiten für den Werkstoff Kunststoff. In vielen Anwendungsbereichen wird nach Alternativen gesucht, die ähnliche Eigenschaften bieten, aber nicht auf Erdöl basieren. Gleichzeitig wird an innovativen Lösungen geforscht um, bestehende Kunststoffe wiederverwerten zu können. Für PlasticsEurope Austria, Teil der paneuropäischen Organisation des Kunststofferzeugerverbandes, gilt es aktuell also viel Unterstützungsarbeit zu leisten. Gemeinsam mit der Industrie will man nachhaltige Lösungen zum Wohle und Fortschritt der Gesellschaft vorantreiben. Dazu vertraut man auch auf die Expertise des OFI.

Wir haben mit DI Sabine Nadherny-Borutin, Generalsekretärin bei PlasticsEurope Austria, gesprochen und sie gefragt, wie man gemeinsam Nachhaltigkeit in der Kunststoffbranche verankern will.*

 

Als Teil des Kunststofferzeugerverbandes, vertritt PlasticsEurope Austria die Interessen der gesamten Kunststoffindustrie. Wie gelingt das? Welche Anliegen einen die unterschiedlichen Erzeuger?

Das wichtigste Rezept zum Gelingen besteht aus Zuhören und der Förderung der Kommunikation, innerhalb der Kunststofferzeuger, als auch innerhalb der Kunststoffbranche und über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg.

Die öffentliche Kommunikation um Kunststoffe ist derzeit alles andere als faktenbasiert. Unreflektierter Populismus ist vorherrschend. Fokussiert wird vor allem auf Verpackungen, wobei ganz vergessen wird, dass diese Verpackungen vor allem dem Produktschutz dienen. Kunststoffe können durch ihre Eigenschaften so konstruiert werden, dass der umfassendste Produktschutz für jedes individuelle Produkt geschaffen werden kann – eine unglaubliche Errungenschaft. Jedoch auch ein Problem, denn durch diese Vielfältigkeit ist eine Kreislaufführung vielfach erschwert und bedingt einen höheren Aufwand.

Doch Kunststoffe sind ein Vielfaches mehr als Verpackungen. Ohne Kunststoffe gäbe es keine Trink- oder Abwasserversorgung, keine Dämmung, keinen Transport, keine Elektrizität oder Digitalisierung, sehr beschränkte Kommunikation, oder denken Sie an Kunststoffe, wenn Sie Ihren Computer oder Ihr Handy verwenden? Weiters ist das große Anwendungsfeld der Medizinprodukte nicht mehr wegzudenken.

Das, was die Kunststofferzeuger nun eint ist die Verantwortung, die sie für ihre Produkte übernehmen. Früher war es vorwiegend die Bereitstellung der Produktlösungen und die Gewährleistung der Funktionstüchtigkeit. Heute jedoch ist es die Kreislaufschließung und die Frage, wie man diese Vielfalt an Produkten zur Verfügung stellen und dennoch Recycling im Sinne der Ressourcenschonung und des Klimaschutzes erfüllen kann.

Die Kunststoffindustrie unternimmt große Anstrengungen und auch Investitionen, um diese Fragen zu lösen. Doch manche Themen obliegen nicht unserem Einfluss. Nehmen wir das Beispiel des Litterings von PET-Flaschen. Man vergisst häufig in den Diskussionen, dass in einigen Ländern eine Versorgung mit Trinkwasser nur über diesen Weg möglich ist. Es wurde verabsäumt eine entsprechende alternative Versorgung, wie wir sie gewohnt sind und welche der Gesundheit zuträglich ist, zu etablieren. Gleichzeitig, und das trifft auch bei uns zu, wurde es verabsäumt Kunststoffen einen Wert zu geben. Vor 50 Jahren waren Produkte aus Kunststoff noch hochgeschätzt, heutzutage ist der Begriff Plastik abwertend, Produkte werden mit Minderwertigkeit gleichgesetzt. Meiner Meinung nach ungerechtfertigt. Wen verwundert es dann, dass Produkte sorglos weggeworfen werden? Hier sehe ich auch große Versäumnisse in der Politik und in der Abfallwirtschaft. Damit können wir weitere einende Themen der Kunststoffbranche benennen – Imageverbesserung, Transparenz und gesamtheitliches Denken.

 

Erst vor Kurzem, nämlich im Jahr 2020, hat sich PlasticsEurope Austria dazu entschieden Mitglied des OFI zu werden. Was erwarten Sie sich von der Zusammenarbeit? Und geht das bereits auf?

Das OFI, als unabhängige Prüfstelle, ist der ideale Partner um unvoreingenommen und faktenbasiert unterschiedlichste Problemstellungen zu bearbeiten. Sei es im Einsatz und der Entwicklung von neuen innovativen Produkten, als auch in der Prüfung der Anwendung und schließlich in der Identifizierung von möglichen Stolpersteinen in der Kreislaufführung. Die rasche Bereitstellung von Forschungsergebnissen und neuen Erkenntnissen über vielfältigste Themen ist ein klarer Pluspunkt, welcher durch das umfassende Know-how der OFI-Mitarbeiter*innen und die Unternehmenskultur des fachübergreifenden Arbeitens ermöglicht wird.

Ganz besonders hervorheben möchte ich die Vorteile der neuen Zusammenarbeit zwischen OFI und Cyclos-HTP im Bereich der Recyclingfähigkeitsbewertung von Verpackungen. Gerade als paneuropäischer Verband, mit der Eigenverpflichtung bis 2030 10 Mio. Tonnen Rezyklate wieder in Produkten einzusetzen, ist es für PlasticsEurope Austria wichtig, international geltende Methoden anzuwenden und global einsetzbare Produkte, Verpackungen aber auch Recyclingmethoden zu entwickeln.

 

PlasticsEurope sieht sich als Katalysator des Wandels, nicht nur in der Kunststoffindustrie. Man tritt ganz generell für einen nachhaltigeren Konsum und ein ressourcenschonendes Wirtschaften ein. Welche Rolle spielen dabei FEI-Aktivitäten und die Zusammenarbeit mit unabhängigen Instituten, wie dem OFI?

Die Unabhängigkeit des OFI ist für uns eines der wesentlichsten Kriterien. Nur durch kritische, aber unvoreingenommene und fachlich hochqualifizierte Betrachtungen können Hürden oder Barrieren in den relevanten Themen identifiziert werden. Schönfärberei hat keinen Platz, wenn man die Themen der Kreislaufschließung und Umwelt- sowie Klimaschutz wirklich vorantreiben will. Derzeit laufen 6 Projekte mit Beteiligung des OFI und PlasticsEurope. Schwerpunkte dabei sind die Schließung von Kreisläufen für spezifische Polymerarten, aber auch Fragen bezüglich der Identifizierung und Reduzierung von Schadstoffen in der Rezyklaterzeugung und zu dem großen Thema Mikroplastik. Hier war das OFI wesentlicher Initiator für ein derzeit laufendes europäisches Projekt zur Erstellung einer Datenbank zur Identifizierung, Differenzierung und Analyse von Mikroplastik. Ein enorm wichtiges Thema für die Kunststoffbranche.

 

Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft sind die Themen die aktuell alle bewegen. Welche Herausforderungen sehen Sie in diesem Kontext noch auf die Kunststoffindustrie zukommen?

Wir alle sollten uns dem Faktum bewusst werden, dass die alleinige Substitution durch andere Materialien die eigentlichen Probleme des Ressourcenverbrauches sowie des Klimaschutzes nicht löst. Sie bringt nur eine Verschiebung der Probleme in andere Bereiche.

Aus diesen Aspekten heraus müssen wir die Produkte an sich und die notwendige Produktgestaltung – das Design4Recycling und DesignfromRecycling – betrachten. Unabhängige, faktenbasierte Prüfung, wo erzielt welches Material mit welcher Anwendung den größten Beitrag zur Ressourcenschonung und dem Klimaschutz. Eine gesamtheitliche, unvoreingenommene Betrachtung.

Die mit Sicherheit größte Herausforderung der Kunststoffindustrie ist die Reduktion des Einsatzes von sogenannten fossilen 1. Generation Rohstoffen. Wir unternehmen große Anstrengungen im Recycling um die benötigten Mengen an Rezyklaten herzustellen und wieder in den Kreislauf zu führen, andererseits wird auch viel im Bereich nachwachsende Rohstoffe geforscht. Doch auch im Bereich der Biokunststoffe wird eine Kreislaufführung unbedingt notwendig sein. Hier stecken wir noch in den Kinderschuhen.

 

Kunststoff hat immer wieder mit seinem Image zu kämpfen. Welche Strategie haben Sie um dem entgegenzutreten?

Faktenbasierte Kommunikation und Transparenz. Das Thema Kunststoff ist hochkomplex. Es benötigt vielfältige Sichtweisen, technische, wirtschaftliche, aber auch soziale Aspekte müssen berücksichtigt werden. Das Thema ist auch nicht innerhalb der Branche zu lösen, sondern bedarf einer gesamtheitlichen Betrachtung über diverseste Branchen hinweg. Aus diesem Grunde haben wir uns entschlossen, den ÖCC2- Österreichischen Carbon Cycle Circle- Team für nachhaltigen Kohlenstoffkreislauf zu gründen. Um das Thema Kunststoffe wirklich nachhaltig betrachten zu können, müssen wir uns mit der Frage von Kohlenstoffströmen befassen. Der ÖCC2 versucht hier branchenübergreifend Fragen aufzuwerfen und Lösungen zu finden.

 

Seit 2020 sind Sie Generalsekretärin bei PlasticsEurope Austria. Im selben Jahr wurden Sie zur Obfrau der OFI Sektion Verpackung & Lebensmittel gewählt. Welches persönliche Interesse verbirgt sich hinter Ihrem Engagement?

Ich bin ausgebildete Lebensmittel- und Biotechnologin, mit Schwerpunkten in der Umweltanalytik und Abfallwirtschaft und durfte mich in meiner beruflichen Laufbahn immer wieder mit dem OFI kompetent austauschen. Wie ich vorher schon ausgeführt habe, ist im Bereich der Kreislaufschließung, Ressourcenschonung und Klimaschutz eine neutrale unvoreingenommene Bewertung aller Materialien und deren Anwendung von immenser Bedeutung. Im Bereich der Verpackung ist zusätzlich der Produktschutz das oberste Ziel. Gemeinsam zu lernen und sich gegenseitig weiterzuentwickeln und damit einen kleinen persönlichen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten zu können, ist mein größter Antrieb. Die gelebte Unternehmenskultur im OFI und die hochqualifizierte Expertise in diesem Institut unterstützen mich meine Objektivität in diesen Themen zu bewahren.

 

Mehr über die Expertise des OFI im Bereich Verpackung, unser umfangreiches Prüfangebot und aktuelle Forschungsprojekte, finden Sie hier: Verpackung & Gefahrgut

 

Seit 2020 ist DI Sabine Nadherny-Borutin Obfrau der Sektion Verpackung am OFI. Bereits zuvor haben ihre Wege oft die des OFI gekreuzt, denn seit ihrem Studium der Lebensmittel- und Biotechnologie an der Universität für Bodenkultur, beschäftigt sich die Generalsekretärin von PlasticsEurope Austria mit den Themen Kunststoff, Kreislaufwirtschaft und Umweltanalytik.

*Eine gekürzte Version dieses Gesprächs wurde im OFI Jahresbericht 2021 abgedruckt.

 

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