Christopher Hartl in der Mikrobiologie © OFI / Michael Pyerin

Wer schon einmal eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreiben durfte, weiß, dass eine der größten Herausforderungen darin liegt, konsequent dranzubleiben. Ausdauer ist gefragt. „Keep calm and carry on“, hat Christopher Hartl in den vergangenen Jahren oft von Freunden und Familie gehört.

Ein wertvoller Ratschlag, der ihn schließlich ans Ziel gebracht hat: Die Dissertation steht gebunden im Regal, die Verteidigung ist gelungen und das Studium abgeschlossen. Christopher Hartl ist jetzt Doktor der technischen Chemie – „endlich“, wie er sagt.

Damit endet die Auseinandersetzung mit seinem Forschungsgebiet für ihn aber nicht, denn das Thema seiner Dissertation könnte aktueller kaum sein. Es geht um Oberflächenhygiene und antimikrobielle Entkeimungsstrategien. Im Gespräch verrät uns Dr. Christopher Hartl mehr über seine Forschung und seine Aufgaben am OFI.*

 

333 Seiten ist sie dick, und in Englisch verfasst, deine Dissertation. Kannst du kurz zusammenfassen womit du dich beschäftigt hast?
„Das Ziel meiner Dissertation war die Entwicklung eines ganzheitlichen Testsystems zur Untersuchung von antimikrobiellen Eindämmungsstrategien. Im Prinzip ging es darum wie man die Behandlung von Medizinprodukten mit Desinfektionsmitteln im Labor realitätsnahe und reproduzierbar abbilden kann. Die Produkte werden im Laufe ihres Lebens stark beansprucht, immerhin müssen sie nach jeder Kontamination – also nach jedem Kontakt mit einem Patienten – gereinigt und desinfiziert werden. Die Frage, die mich beschäftigt hat, war wie man die Beanspruchung medizinischer Oberflächen realitätsnah nachstellen kann, um dann auch die Auswirkungen die diese Beanspruchung auf die weitere Desinfektion haben kann, untersuchen zu können.“

Wie bist du das angegangen?
„Ich bin es ähnlich angegangen, wie wir mit Forschungsprojekten am OFI umgehen: Ich habe die Fragestellung in unterschiedliche Arbeitspakete geteilt. In einem ersten Schritt habe ich mich darauf konzentriert wie die Abnutzung, d.h. die Alterung, die durch den vielen Kontakt mit Desinfektionsmittel passiert, simuliert werden kann, damit bei der Prüfung realistische Bedingungen vorherrschen. Ziel dieses ersten Arbeitspaktes war die Entwicklung eines Desinfektionsprotokolls für die Praxis.
Im zweiten Schritt bin ich der Frage nachgegangen, welche Auswirkungen der Desinfektionsprozess hat, wenn sich Materialien mit der Zeit verändern, wenn z.B. Mikrorisse entstehen. Ich wollte wissen, ob die Desinfektion dann noch funktioniert, oder ob das Risiko besteht, dass in unsichtbaren Ritzen oder auf aufgerauten Oberflächen erst recht Keime wachsen.
Darauf aufbauend habe ich mich in einem dritten Schritt mit Alternativen zur klassischen Desinfektion, die mit chemischen Mitteln erfolgt, beschäftigt. Ich habe untersucht in welchen Bereichen und bei welchen Werkstoffen es sinnvoll sein kann, das Material selbst antimikrobiell auszurüsten. Entscheidend war herauszufinden, wie die Aktivität gemessen werden kann – und zu erfassen, welche Rolle Alterungsprozesse spielen.“

Was bedeutet deine wissenschaftliche Arbeit für das Gesundheitswesen?
„Revolutionieren werden die Erkenntnisse den Gesundheitsbereich nicht. Ich konnte auf viele Methoden und Überlegungen zurückgreifen, die bereits existieren. Der neue Aspekt meiner Arbeit ist die systematische Betrachtung von medizinischen Oberflächen und den Auswirkungen häufiger Desinfektion. Untersucht habe ich unterschiedliche Oberflächen im Gesundheitsbereich – von Möbeln, über medizinische Geräte bis zu Lichtschaltern – also Oberflächen, die von Patienten und Gesundheitspersonal berührt oder durch Körperflüssigkeiten kontaminiert werden könnten.“

Wie kommt es, dass du dich in deiner Dissertation mit diesem Thema beschäftigst? Während dem Diplomstudium lag dein Fokus bei Migration und Verpackung, oder nicht?
„Das stimmt, aber wenn man am OFI im Labor arbeitet, können die Anfragen ganz unterschiedlich sein. In der Mikrobiologie kann es schon vorkommen, dass man an einem Tag eine Lebensmittelverpackung analysiert und am nächsten Tag Schimmelwachstum auf Bauprodukten unter die Lupe nimmt.
Die Begeisterung für das Themenfeld Oberflächenhygiene hat im OFI Labor seinen Ursprung. Es war mein zweiter Arbeitstag und meine Aufgabe war es Kunststoffoberflächen zu altern. Also habe ich begonnen mich einzuarbeiten, habe recherchiert und unterschiedliche Methoden ausprobiert. Daraus ist dann ein Forschungsvorhaben, und schließlich meine Dissertation entstanden.“

Wolltest du immer schon forschen, oder wie ist es dazu gekommen, dass du heute einen Großteil deiner Zeit im Labor verbringst?
„Ich hatte eigentlich keine wissenschaftliche Karriere geplant. Nach dem Abschluss des Diplomstudiums war ich ehrlich gesagt froh, dass es vorbei ist. Dann habe ich einen Job im Vertrieb angenommen und sehr schnell gemerkt, dass mir das gar nicht liegt und mir die Arbeit im Labor fehlt. Dementsprechend froh bin ich heute über mein vielfältiges Aufgabengebiet am OFI.“

Dein erster Arbeitstag am OFI liegt bereits ein paar Jahre zurück. Was hat sich seitdem verändert?
„Heute habe ich einen breiteren Aufgabenbereich. Zu Beginn meiner Tätigkeit am OFI habe ich vor allem mikrobiologische Tests durchgeführt. Das mache ich heute auch noch, aber mittlerweile bin ich auch für Organisatorisches rund um unsere Mikrobiologie verantwortlich. Dazu gehört die Planung der Auslastung genauso wie die Bestellung von Laborzubehör.
Neben der Durchführung von Normprüfungen und standardisierten Tests, arbeite ich aktiv an Forschungsprojekten mit. Aktuell beispielsweise im Projekt SaferTex, bei dem die Wechselwirkung von Reinigungsmitteln und Textilien untersucht wird, oder im Projekt E-Steril, bei dem an selbstreinigenden Filtersystemen, die gefährliche Substanzen völlig eliminieren sollen, geforscht wird.
Angewandte Forschung ist immer spannend, weil man gemeinsam mit Kunden und Partnern tatsächlichen Problemstellungen begegnet und direktes Feedback bekommt, ob Lösungen in der Praxis funktionieren.“

Im Gesundheitsbereich erwarten uns vermehrt neue Herausforderungen, das hat COVID-19 noch einmal sehr deutlich gezeigt. Hast du da einen praktischen Tipp, der helfen könnte diesen Herausforderungen zu begegnen?
„Austausch, Kooperation und Forschung sind meines Erachtens nach Schlüsselelemente um Herausforderungen zu begegnen. Im Bereich der Oberflächendesinfektion könnte beispielsweise eine verstärkte Zusammenarbeit von Herstellern medizinischer Geräte und Produzenten von Desinfektionsmitteln Vorteile bringen. So könnten mögliche negative Wechselwirkungen schon bei der Entwicklung ausgeschlossen werden. Außerdem wäre es ratsam zu bedenken, ob Reinigungsempfehlungen in der Praxis auch umsetzbar sind. Aus angewandter Forschung wissen wir, dass es zwischen Theorie und Praxis einen Gap gibt. In den Projekten an denen ich aktuell mitwirke, versuchen wir deshalb möglichst viele Aspekte einzubeziehen und die Fragestellung aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten.“

 

Dr. Christopher Hartl, seit 2014 am OFI , führt mikrobiologische Tests an Werkstoffen aller Art durch und untersucht Oberflächen, Desinfektionsmittel und Medizinprodukte. Er betreibt angewandte Forschung und geht gemeinsam mit Kunden Fragestellungen zu Hygienekonzepten und Entkeimungsstrategien auf den Grund. 2020 hat er seine Dissertation an der Technischen Universität Wien erfolgreich verteidigt und ist jetzt „endlich Doktor“.

*Eine gekürzte Version dieses Interviews ist im OFI Jahresbericht 2020 abgedruckt.

 

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